Überrecherche?

Kann man eigentlich auch zu viel recherchieren? Mit dem Problem der „Überrecherche“ möchte ich mich in diesem Beitrag zu meinem „Autoren-Kaffeekränzchen“ beschäftigen.

Kann man zu viel recherchieren?

Ich glaube, dass ich in den Beiträgen zuvor sehr deutlich gemacht habe, wie wichtig eine fundierte Recherche für die Arbeit an einem Roman ist- und wie viel Spaß mir die Recherche macht. Aber es gibt auch einen Punkt, an dem muss man die Recherche unter- bzw. abbrechen. Nämlich dann, wenn sie für den Roman und seine Handlung nicht mehr zielführend ist.

Diesen Punkt genau zu erwischen, empfinde ich als sehr schwierig, denn wenn mich etwas interessiert, dann komme ich von Hölzchen auf Stöckchen und möchte am liebsten ALLES über das Thema erfahren. Dann muss man aber unterscheiden zwischen der Neugier eines geschichtsinteressierten Menschen und dem, was der Autor wissen um, um die Welt, die erschaffen werden soll, korrekt und detailliert darstellen zu können.

Beispiel gefällig?

Für meinen Roman „Das Flüstern des Löwenzahns“ habe ich mich ausführlich mit dem Leben der Soldaten in der französischen Armee um 1813 beschäftigt. Wichtig war mir, herauszufinden, wie sie lebten, was sie aßen, tranken, woher sie ihre Kleidung erhielten, wie es im Gefecht zugeht und was so typische Dinge sind, die ein Soldat anno 1813 an Befehlen kennen musste.

Mein Glück war, dass ich drei sehr liebe Reenactors an der Seite hatte, die mir jede noch so blöde Frage bis ins Detail erklärt haben. Das Schwarzpulver zum Würzen benutzt wurde, dass man verstopfte Musketen im Felde auch notfalls mit Urin sauber bekommt, wie man die Muskete ansonsten reinigt, wie man das Leder weiß bekommt…

Es ging weiter und weiter, bis ich nicht nur die Namen der einzelnen Schrauben einer Muskete kannte (gemerkt habe ich mir nur die Schwanzschraube) und wir bei den Feinheiten der unterschiedlichen Körnung von Schwarzpulver angekommen waren. Dann kamen wir zur Schlacht und ich wollte wissen, wo welche Truppen wann standen und warum man wen wann einsetzt. Und irgendwann kam dann die Frage: „Wozu brauchst du das alles? Das kann doch in keinem Roman der Welt vorkommen!“

Vieles habe ich tatsächlich in Form von kleinen Absurditäten in dem Roman verarbeitet. Vieles, vieles aber eben nicht. Natürlich ist es interessant zu wissen, dass wenn man die Schwanzschraube löst, man als Nächstes einen Termin beim Büchsenmacher machen kann. Und es ist auch Partys bestimmt der absolute Stimmungskiller, wenn man davon erzählt, ab welcher Temperatur Augäpfel anfangen zu schmelzen, aber für einen Roman brauche ich es nicht. Für mich schon.

Was macht man mit der Überrecherche?

Was ich hab, das hab ich. Also sammle ich unnützes Wissen, wenn es mir vor die Füße fällt, separat. Man weiß ja nie, ob man nicht doch noch eine Abhandlung über Schwanzschrauben schreibt. Ich frage auch weiterhin meinen Experten Löcher in die Uniformjacke, aber nicht zu den Zeiten, die für die Romanarbeit reserviert sind. Das ist dann Freizeit.

Denn wie sagte eine Autorenkollegin letztens so nett: „Recherche ist der beste Weg, nicht schreiben zu müssen.“

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Ich freue mich immer über Rückmeldungen zu meinen Beiträgen. Kontaktiere mich gerne via E-Mail über letters@jocelyn-garber.de

Liebe Grüße

Kaffee

Themen:

Autoren-Kaffeekränzchen

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