Wie plant und schreibt man authentische Schlachtszenen?

Höhepunkt und Meisterstück meiner historischen Romane ist oftmals die Schilderung einer Schlachtszene. In meinem Debütroman „Als das Schneeglöckchen fliegen lernte“ beispielsweise schildere ich aus der Sicht eines französischen Kürassiers die Schlacht bei Neuwied 1797, in meinem Roman „Wie der Sturm der Ewigkeit“ dreht sich alles um die Schlacht an der Göhrde 1813. In meinem Manuskript, das sich mit dem Spanienfeldzug Napoleons beschäftigt, beginne ich mit einer Festungserstürmung. Und nie sind meine Schlachtszenen so rosarot und harmlos wie meine Cover. Ich möchte die Schlachten möglichst realistisch und genau abbilden.

Aber wie schreibt man eine solche Szene? Ich denke, unsere letzte Festungserstürmung ist bei allen schon etwas her 😋

Auf in die Schlacht! Von Paris bis Waterloo und irgendetwas dazwischen…

Ich kenne Autorinnen und Autoren, die erst ihre Story planen und dann überlegen, welche historischen Ereignisse zur Verstärkung der Gesamtaussage am besten passen.

Bei mir ist es andersherum. Ich wähle erst das historische Ereignis aus und plane die Story dann drumherum. Dabei wähle ich absichtlich nicht die großen Schlachten der Weltgeschichte. Waterloo, Austerlitz, Jena und Auerstedt oder auch die Völkerschlacht sind mir zu abgegrast. Mir gefallen die kleinen Gefechte und Schlachten. Von ihnen möchte ich berichten, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Meist frage ich meine Experten, über welches Gefecht oder welche Schlacht sie einmal etwas lesen würden.

So war es beispielsweise bei meinem Manuskript über den Spanienfeldzug. Auf die Frage, welche Anekdote aus der Regimentsgeschichte seines 8. Infanterieregiments er erzählt haben wollen würde, antwortete mein Kontakt: „Wir haben ja mal unseren Adler irgendwie in Spanien verloren…“ (die Aussage war für mich ja schon an sich eine Steilvorlage für einen blöden Spruch über die „Adlervergesser und -verlierer“).

Oder es ist die Begeisterung meiner Experten, die ein bestimmtes Gefecht oder eine Schlacht zu ihrem Steckenpferd gemacht haben und die mich mit dieser Begeisterung anstecken. Wichtig ist mir diese Begeisterung für ein Thema. Das Gefühl, dass ich da auf etwas gestoßen bin, was für meine Leserinnen und Leser relevant sein könnte. Schicksale, die berühren, die einen selbst nach 200 Jahren noch fesseln und nachdenklich werden lassen.

Deshalb könnte ich wohl auch nie eine Schlacht aus der Sicht Napoleons oder eines seiner Generäle schreiben. Was der Kerl gedacht hat, wenn er seine Leute Jahr für Jahr mit derselben Taktik aufs Schlachtfeld gescheucht hat, berührt mich so gar nicht.

Okay, wir kämpfen heute an der Göhrde. Und nun?

Wenn ich mir also eine Schlacht ausgesucht habe, geht die Arbeit los. Für die großen Schlachten findet man immens viel Fachliteratur, aber für die kleinen ist das deutlich schwieriger. Oft ist die Fachliteratur lückenhaft oder auf französisch oder englisch (und das die „ollen“ Rotröcke das Ganze immer etwas anders darstellen, als es gewesen ist, ist ja wohl klar). Meist beginne ich damit, mir eine Gefechtsaufstellung herauszusuchen. Gibt es keine, bitte ich meine Experten darum. Herr Franke vom 127. Regiment ist beispielsweise ein Experte für die Rekonstruktion solcher Gefechtsaufstellungen der Grande Armée.

Gleichzeitig erhalte ich meist eine Auflistung der gefallenen Offiziere. Anhand dieser können mithilfe eines Umrechnungsschlüssels die gesamten Verluste errechnet werden. Diese Liste benutze ich später gerne, um diese realen Personen in Nebenhandlungen auftreten zu lassen. Bei den ranghöheren Offizieren recherchiere ich neben der Biografie auch oft, welchen Ruf sie bei ihren Leuten hatten. Reale Personen kommen in meinen Romanen jedoch stets nur in Nebenhandlungen vor, da ich es persönlich schwierig und oft unangemessen finde, ihnen fiktive Worte in den Mund zu legen.

Dasselbe versuche ich mir für die Truppen der gegen Napoleon Verbündeten Länder zu organisieren. Erst dann schaue ich mir an, wie andere Romanautoren dieses Gefecht dargestellt haben. Wo sie ihre Schwerpunkte gesetzt haben. Das war besonders bei der Darstellung der Schlacht von Barrosa in Spanien in „Sharpes Zorn“ durch Bernard Cornwell ein sehr demotivierendes Erlebnis (Schande, ist dieser Mann genau!).

Hinzukommen Recherchen über das Schlachtfeld. Wie war seine Beschaffenheit? Wie seine Lage? Hatte diese Einfluss auf ihren Verlauf? Wie war die Witterung an jenem Tag. Glücklicherweise kann man dank Google Maps auch mal rasch einen Kurzurlaub nach Cadiz oder Neuwied machen, ohne dass man direkt ins Auto steigen muss.

Aus all diesen Informationen zeichne ich mir Karten und Zeitleisten, damit ich zu jedem Zeitpunkt sagen kann, wer wo was gemacht hat.

Schön, das 3. Regiment ist da, das 28. Husarenregiment hält Kaffeekränzchen und die Grenadiere des 8. suchen noch ihren Adler…

Wenn ich dann die Aufstellung der beteiligten Truppen sowie ihrer Verluste habe, gehe ich diese Truppen erst einmal durch. Welche Uniformen trugen sie, wie waren sie bewaffnet, wie sahen sie aus, wie kämpften sie? Welche Rolle hatten sie in der Schlacht? Warum wurden sie eingesetzt? Manchmal sind Truppen vorhanden, von denen ich noch nie gehört habe. Wenn es eine Reenactment-Gruppe gibt, die diese Truppe darstellen, nehme ich an dieser Stelle Kontakt auf. Meist bekomme ich dann eine superliebe Rückmeldung und sogar Einblicke in die kleinen Gruppenmuseen. Auf diese Weise habe ich (zwar leider nur digital) beispielsweise den Blick auf eine originale Regimentsfahne des 127. Regiments werfen können oder Fotos von Raketentrümmern zu sehen bekommen.

Schlachzszene

Im Falle meiner Grenadiere des 8. Regimentes der Linieninfanterie habe ich mir daher die Uniform zeigen lassen, habe mir erklären lassen, welche Aufgaben sie in der Schlacht übernommen haben. Dann habe ich mir die Waffen angesehen und mir zeigen lassen, wie man mit einem Bajonett kämpft. Wie man eine Muskete lädt, reinigt und pflegt. Was ist das Besondere dieser Einheit? Welche Fahne führt sie? Welches Motto hat sie?

Finde ich für eine Einheit keinen Experten bitte ich Museen um Hilfe oder durchforste ihre Ausstellungskataloge. Von allem fertige ich Fotos an, die ich in meine Notizbücher klebe und kommentiere.

Einen besonderen Schwerpunkt lege ich auch auf die Sinneseindrücke bei der Recherche. Wie schmeckt Schießpulver? Wie riecht eine Uniform (das beschreibe ich jetzt nicht. Nur so viel: die Teile werden nicht gewaschen…) Wie schwer fühlt sich die Waffe an? Wie riecht es, wenn sie abgefeuert wird? Wie heiß wird sie? Welche Sinneseindrücke dominieren während einer Schlacht?

Besonders die letzte Frage finde ich immer spannend. Manche hören nur das Klackern der Ladestöcke im Lauf, andere sind so auf die Stimme ihres Kommandanten fixiert, dass sie nichts anderes wahrnehmen), aber noch keiner hat mir erzählt, dass er besonders auf den Kanonendonner oder die Schüsse der gegnerischen Musketen achtet.

Anhand dieser Informationen überlege ich, wo ich den Protagonisten unterbringe, damit ich ihn möglichst im Zentrum der Schlacht oder an einem Ort mit Symbolkraft unterbringen kann. Es bringt ja nichts den Kerl in eine Einheit zu stecken, die sich nur am Rande beteiligt und ansonsten Kaffeekränzchen gehalten haben (oder zumindest wäre es eine etwas surreale Geschichte).

Protagonisten-Casting

Habe ich mir dann also die Truppe ausgesucht, bei der mein Protagonist dient, muss überlegt werden, aus welcher Sicht die Schlacht am besten erzählt wird. Ein Offizier? Ein Unteroffizier? Oder doch besser ein einfacher Soldat? Oder jemand aus dem Tross?

Ich selbst halte es meist so, dass ich nie höher als den Rang eines Chef de Bataillon gehe. Die höheren Offiziere interessieren mich einfach nicht. Ich will das Leben der einfachen Soldaten und der Offiziere beschreiben, die wirklich mitten im Kampfgeschehen stecken, und nicht eine Schilderung vom Rande des Schlachtfeldes haben.

Und habe ich dann den Rang ausgemacht, geht die Arbeit von vorne los, denn dann muss ich herausfinden, welcher Offizier welche Gruppe kommandiert hat und welche Aufgaben er in dieser Funktion übernommen hat.

Super, der Protagonist hat es noch pünktlich aufs Schlachtfeld geschafft. Können wir jetzt endlich anfangen?

Leider nicht. Ich schreibe nämlich ungern über Orte, an denen ich noch nie war. Also reise ich an den Ort der Schlacht und nehme mir ganz viel Zeit den Ort auf mich wirken zu lassen und auch wieder die wichtigen Sinneseindrücke zu sammeln. So habe ich den Ort besucht, von dem aus General Lazare Hoche in meinem Debütroman den Übergang über den Rhein geplant hat. Oder ich habe das Schlachtfeld an der Göhrde besucht. Oftmals hat sich natürlich viel verändert. Wälder entstanden oder sind abgeholzt worden. Häuser versperren die Sicht. Aber wenn man sich viel Zeit nimmt, alte Karten und Zeichnungen heranzieht, bekommt man einen ganz guten Eindruck.

Schlachszene
Das General Hoche Denkmal in Weißenthurm

Und zu guter Letzt suche ich immer das Gespräch mit Einheimischen. Bitte sie um Geheimtipps zu der Gegend. Um Fotos von Gebäuden etc. die sie als besonders prägnant empfinden.

Und dann geht es endlich los…

Aus all diesen Informationen baue ich dann die Schlachtszene zusammen. Meist mit lauter, passender Musik auf den Ohren (bei dem Gefecht um Lüneburg in „Wie der Sturm der Ewigkeit“ war es beispielsweise „Becoming the Hood“ aus diesem unterirdischen Robin Hood- Film von 2018) schreibe ich erst einmal ein Rohgerüst. Hauptsache, die Abläufe der Schlacht stimmen schon einmal. Dann füge ich all die Informationen, die Sinneseindrücke, die optischen Eindrücke der Orte, die ich gesammelt habe, ein, um der Szene Authentizität zu verleihen.

Ganz zum Schluss überarbeite ich die Sprache der Soldaten. Inzwischen habe ich in meinen Notizbüchern eine recht große Sammlung an französischen Befehlen und flapsigen Sprüchen, die ich bei meinen Recherchen aufgeschnappt habe. Auch habe ich inzwischen eine Sammlung mit Trommelsignalen, bei den Gefechtsnachstellungen habe ich Audioaufnahmen der Kanonen- und Musketenschüsse angefertigt.

1:0 für die Grande Armée. Sind wir jetzt fertig mit der Schlachtszene?

Wenn ich mit der Szene zufrieden bin, bitte ich darum, dass sie Korrektur gelesen wird. Bei meinem Roman „Wie der Sturm der Ewigkeit“ und dem Gefecht um Lüneburg, das dort beschrieben wird, habe ich meine zwei Lieblingsexperten gebeten, einmal einen Blick darauf zu werfen. Ob die Schilderung zu weiblich ist (seltsamerweise wird mir immer wieder gesagt, dass Männer im Gefecht selten darauf achten, ob etwas an ihren Händen oder in ihren Wimpern klebt, tss…), ob ich zu harmlos beschreibe. Und erst dann ist meine Szene fertig.

Liebe Grüße

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Themen:

Allgemein, Historischer Roman, Kakao, Kuchen & Musketen

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